Texte

 

Das eine Leben pulsiert durch die Adern der Natur 

 

Wenn wir die Natur dieses Lebens in seiner Vielheit genau beobachten, finden wir hinter dem Schleier der Vielfalt nur ein einziges Leben, die Quelle und das Ziel aller Dinge. Dieses Leben können wir als Blut des Universums bezeichnen, das durch die Adern der Natur zirkuliert. Es lässt sich entweder als Substanz oder als Geist begreifen; es ist etwas aus dem alles Sichtbare und alle Intelligenz geformt und am Leben und in funktionierender Ordnung erhalten wird … Das Leben ist Intelligenz, überall, und je intensiver man mit dem Leben kommuniziert, desto mehr fühlt man, dass sogar der Felsen nicht ohne Leben ist, dass das Blut des Universums auch in ihm pulsiert. Und wenn wir das Leben aus dieser Perspektive betrachten, sehen wir, dass es keinen Ort, kein Objekt gibt, das nicht heilig ist.“
 
Hazrat Inayat Khan (Gründer und Lehrer des westl. Sufismus, 1882-1927) 

 

Sich in die Erde verlieben



  „IN DIESEM AUGENBLICK ist die Erde über Ihnen, unter Ihnen, um Sie herum und sogar in Ihnen. Die Erde ist überall. Vielleicht denken Sie, die Erde wäre nur der Boden unter Ihren Füßen. Doch das Wasser, das Meer der Himmel und alles um uns herum stammen von der Erde. Oft vergessen wir, dass uns der Planet, auf dem wir leben, alle Bestandteile gegeben hat, aus denen unser Körper besteht. Das Wasser in unserem Fleisch, unsere Knochen und all die mikroskopisch kleinen Zellen in unserem Körper kommen alle von der Erde und sind Teil von ihr. Die Erde ist nicht bloß unsere Lebensumgebung. Wir sind Teil der Erde und wir tragen sie stets in uns.
Wenn wir uns das bewusst machen, sehen wir, dass die Erde in der Tat lebendig ist. Wir sind eine lebende und atmende Erscheinungsform dieses schönen und freigiebigen Planeten. Darum wissend können wir unsere Beziehung zur Erde grundlegend verändern. Wir können einen anderen Weg einschlagen und anders als bisher für sie sorgen. Wir werden uns mit Haut und Haar in die Erde verlieben. Wenn wir in jemanden oder etwas verliebt sind, sind wir nicht von der Person oder Sache, die die wir lieben, getrennt. Wir tun für sie, was wir können und das erfreut und nährt uns sehr. Diese Art der Beziehung können wir auch zur Erde leben. Und es ist diese Art der Beziehung, die wir mit der Erde leben müssen, wenn sie überleben soll und wir mit ihr.“

 
Aus: Thich Nhat Hanh, Liebesbrief an die Erde, S.9f


Die Erde als heilig betrachten und für sie sorgen



Unser Gefühl, von der Erde getrennt zu sein, hat uns dazu gebracht, sie zu missbrauchen. Würden wir die Erde als heilig betrachten, als Teil der lebendigen Einheit, der wir angehören, könnten wir sie dann noch auf diese Weise behandeln, könnten wir dann noch ihre Flüsse verschmutzen, ihre biologische Vielfalt vernichten? ....
Die Zeichen des Wunderbaren sind überall um uns, von der geheimnisvollen Schönheit eines Sonnenaufgangs zum einfachen Lachen eines Kindes. ….. Jeder für sich muss einen Weg finden, zur heiligen Einheit zurückzukehren, wo die Erde sowohl ganz als auch heilig ist. …..
Unsere Liebe und Fürsorge für die Erde ist die mächtigste Kraft der Heilung und Transformation. Der Schrei der Erde – indem wir ihr Leiden erkennen und fühlen – vermag unser Herz zu öffnen. Dieses Leiden gehört nicht zu jemand anderem, sondern zum Kern unseres eigenen Wesens, wo wir eins sind mit der Erde. Dieser Schrei bringt tief in uns etwas miteinander in Berührung, die Seele der Welt trifft unsere eigene Seele und stellt den heiligen Grund des Seins wieder her, das Verbundensein, das wir mit der Erde und allem Leben haben. Dann können wir, wie Papst Franziskus in seinem Gebet zum Schluss (seiner Umweltenzyklika LAUDATO SI‘) sagt, unseren Platz finden

 

als Werkzeuge dieser Liebe

zu allen Wesen dieser Erde

 

aus: Llewellyn Vaughan-Lee, Die Klimadebatte auf heiligen Grund verlagern

Veröffentlicht in Huffington Post am 2.7.2015

Deutsche Übersetzung von Sabine Reinhard und Bernd Jost

 


Unsere Sichtweise der Erde

bestimmt unser Handeln

Die Art und Weise, wie wir die Erde sehen, bestimmt die Art und Weise, wie wir sie behandeln. Wenn ein Berg eine Gottheit ist und nicht ein Haufen Erz, wenn ein Fluss eine Ader des Landes ist und nicht ein mögliches Bewässerungsreservoir, wenn ein Wald ein heiliger Hain ist und nicht ein Holzlieferant, wenn andere Arten biologische Verwandte sind und nicht Ressourcen oder wenn der Planet unsere Mutter ist und nicht ein potentielles Ausbeutungslager, dann würden wir uns gegenseitig mit größerem Respekt behandeln. Das ist die Herausforderung, die Welt unter einem anderen Gesichtspunkt zu betrachten. Also kehrt zu diesem Zustand der Achtsamkeit zurück, die für unsere Vorfahren ganz natürlich war."

Zitat: David Suzuki, kanadischer Umweltschützer

GEBETE


Anrufung


Wir rufen das eine Sein an,
dessen Körper der Kosmos der Galaxien ist,
dessen Geist unser Denken durchzieht,
dessen Ekstase in uns Lobpreis und Verherrlichung auslöst,
dessen Pesönlichkeit als unsere Persönlichkeit Gestalt annimmt,
dessen Bewusstsein sich als unser Bewusstsein verdichtet,
dessen Gegenwart hier und jetzt, überall und immer ist - 
dessen Erkenntnis und Verwirklichung 
die Reichweite unserer Möglichkeiten übersteigt.

Pir Vilayet (Lehrer des westl. Sufismus, 1916-2004)

                     Gebet für unsere Erde

Allmächtiger Gott,
der du in der Weite des Alls gegenwärtig bist
und im kleinsten deiner Geschöpfe,
der du alles, was existiert,
mit deiner Zärtlichkeit umschließt,
gieße uns die Kraft deiner Liebe ein,
damit wir das Leben und die Schönheit hüten.
Überflute uns mit Frieden,
damit wir als Brüder und Schwestern leben
und niemandem schaden.
Gott der Armen,
hilf uns,
die Verlassenen und Vergessenen dieser Erde,
die so wertvoll sind in deinen Augen,
zu retten.
Heile unser Leben,
damit wir Beschützer der Welt sind
und nicht Räuber,
damit wir Schönheit säen
und nicht Verseuchung und Zerstörung.
Rühre die Herzen derer an,
die nur Gewinn suchen
auf Kosten der Armen und der Erde.
Lehre uns,
den Wert von allen Dingen zu entdecken
und voll Bewunderung zu betrachten;
zu erkennen dass wir zutiefst verbunden sind
mit allen Geschöpfen
auf unserem Weg zu deinem unendlichen Licht.
Danke, dass du alle Tage bei uns bist.
Ermutige uns bitte in unserem Kampf
für Gerechtigkeit, Liebe und Frieden.

Papst Franziskus, Enzyklika LAUDATO SI'  über die Sorge für das gemeinsame Haus, S. 169